Interview “The Plan”

9. Juni 2025

The Plan 05/2015

Alessandra Orlandoni (A.O.): Sie haben 1989 in Sarajevo Architektur studiert und sich dann von 1992 bis 1995 während des Bosnienkriegs engagiert. Hatte die politische Situation Auswirkungen auf Ihre Karriere als Architekt?

Mladen Jadric (M.J.): 1989 war ein ganz besonderes Jahr. Wir alle glaubten, der Fall des „Eisernen Vorhangs“ würde zu einer besseren Welt führen – wie naiv wir waren! Rückblickend sehe ich, wie dieses ungeklärte Trauma ganze Generationen geprägt und „kulturelle Flüchtlinge“ geschaffen hat. Ich stellte mich offen gegen Krieg und Zerstörung und nutzte die Architektur als Ausdrucksmittel, unter anderem mit der temporären Installation „The Sign of the Future“, auch bekannt als „Sarajevo Crossing“, 1995. Unterstützt vom Haus der Architektur und als Teil eines breit angelegten Projekts zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den bosnischen Konflikt, war ich in Graz, Wien, Klagenfurt und Salzburg eingeladen. „The Sign of the Future“ thematisierte vor allem das generelle Unvermögen, aufkeimende Konflikte zu lösen.


A.O.: Sie sind nach Wien gezogen und haben an der TU Wien bei Will Alsop promoviert. Wie wichtig ist ein geeigneter Mentor für die Entwicklung eines Architekten?

M.J.: Von 1990 bis 1991 arbeitete ich bei CoopHimmelb(L)au in Wien. Danach bewarb ich mich als Assistent an der TU Wien. Will Alsop wählte mich, und seine Betreuung war prägend. Sie öffnete mir die Augen für die tiefe Verbindung zwischen Kunst und Architektur und bestärkte mich in meiner Neugier, kritischem Denken und dem Fokus auf ein zentrales „Generator-Konzept“.


A.O.: Sie unterrichten weltweit – wie würden Sie den Zustand der zeitgenössischen internationalen Architektur in puncto Qualität, Experiment und Design beschreiben?

M.J.: Ich glaube, die heutige Welt ist in zwei parallele Universen gespalten – Henry Kissinger nannte sie „widersprüchliche Realitäten“. 2,8 Milliarden Menschen leben von 2 US-Dollar pro Tag oder weniger. Ein gemeinsames Thema ist die schnelle Urbanisierung: Bis 2030 wird die Weltbevölkerung 8 Milliarden betragen, zwei Drittel davon in Städten leben. Kurzfristige Versprechungen zur Verbesserung von Architektur und Stadtplanung machen mich persönlich eher pessimistisch.


A.O.: Seit 1997 sind Sie Mitglied im Künstlerhaus Wien, dem ältesten Kunst- und Architekturverein, dem auch Otto Wagner angehörte. Muss Architektur von Kunst „kontaminiert“ sein, um ihr einen Mehrwert zu geben? Was bedeutet „künstlerische Sensibilität“ für Sie?

M.J.: Ich bin kein Künstler, aber Architektur und Kunst haben viel gemeinsam. Architektur basiert immer auf einer Idee. Ohne ein „Generator-Konzept“ sind Gebäude lediglich Konstruktionen. Gleichzeitig ist Architektur eine disziplinierte Disziplin mit Regeln – wie Musik oder Mathematik. Sie ist die Verbindung zwischen der abstrakten Ideenwelt und der realen Welt. Wenn man etwas sagen oder auf seine Umwelt reagieren will, ist das Medium sekundär – es kann geschrieben, gemalt oder gebaut sein.


A.O.: 1992 haben Sie mit „Dangerous Architecture“ einen Wettbewerb gewonnen – Sie waren 28. Was bedeutet „Dangerous Architecture“ für Sie?

M.J.: Mein Projekt reflektierte einen „Kata­strophenzustand“. Es war extreme Architektur für Notfälle. In Krisenzeiten, etwa im Krieg, sehen wir, was Architektur leisten muss: Schutz, Zuflucht, Hoffnung. Heute mehr denn je übernehmen Architekten Verantwortung für soziale Aufgaben – etwa durch Architecture sans Frontières, durch Projekte in Favelas oder Logistik in Flüchtlingslagern. Angesichts politischer Konflikte und Klimawandel sind diese Themen von hoher Priorität.


A.O.: GO EAST – ein informelles Bar-Projekt mit weichen, schlangenförmigen „Würstl“-Sitzmöbeln – zielt auf veränderte Raumerfahrung. Wie beeinflusst diese Herangehensweise Ihre Designentscheidungen?

M.J.: GO EAST war ein wirtschaftlicher und kultureller Austausch zwischen Wien und Sarajevo. Ich wollte einen „Ort des Ostens“ schaffen, der westliche Gewohnheiten aufgreift und Dialog schafft. In Wien, wie in Italien, ist Kaffee ein Treffen – beruflich oder privat. Ich entwarf deshalb einen Raum zum Entspannen, Sitzen, Liegen – ohne klassische Sitzposition. Das Muster lehnt sich an Kilims an, gedruckt von einer 7 m langen Druckanlage. Die „Würstlsitze“ wirken wie Reifen mit orientalischem Muster. Der Boden ist elastisch, barfußfreundlich – in Sarajevo bis Japan wird oft ohne Schuhe betreten. Ziel war, Kommunikation zu fördern.


A.O.: An der TU Wien nutzen Studierende digitale Werkzeuge und traditionelle Methoden wie Collagen, Malerei, Fotografie. Wie verbreitet man Architektur am besten – Print, digital, Video?

M.J.: Sie stellen viele Fragen: Information, Bildung, Motivation, Selbstvermarktung… Wir denken immer noch in Kategorien – digital vs. analog, jung vs. alt. Digitale Medien sind nur ein Werkzeug, neben iTunes, CDs, DVDs – alles parallel. Wichtig ist, Informationen langfristig zu speichern und zugänglich zu halten. Print hat Vorteile – sonst gäbe es keine Bibliotheken mehr. Vor allem in der Lehre glaube ich an Print-Kultur. Gute Architektur­bücher bleiben unersetzlich. Aber den Beruf lernt man nicht in der Schule: Studierende müssen reisen, Architektur sehen, fühlen, verstehen.

Die Sozial­medienfrage ist komplexer. Nicht nur Präsenz zählt, sondern Likes, Engagement und Profilpflege. Social Media erfordert Zeit und Kompetenz. Blog-Kultur hat starke Digital-Communities geschaffen – vor allem in Asien und Südamerika, gefolgt von Europa und Nordamerika.

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