Projektdetails
- Architekt: Jadric Architektur ZT GMBH
- Art: Internationaler Wettbewerb, 3er Platz
- Ort: Seoul, South Korea
- Projektteam: Jakob Mayer, Federica Rizzo, Dennis Przybilka
- Visualisierungen: Claudio Anderwald
- Übersetzung und Bearbeitung: Daria Jadric, Kim Minkee, Hyo Yeon Je, Byonghun Lee
Projektbeschreibung
Zehn Themen und Aufgaben zum Gwanghwamun-Platz
Der Gwanghwamun-Platz war in den letzten 50 Jahren ein Spiegelbild der Transformation der Stadtlandschaft Seouls sowie der Veränderungen in ihrer urbanen Morphologie und Landschaftsgestaltung. Aus der Perspektive der kulturellen Geografie schlägt dieses Projekt eine spezifische Lösung für einen allgemein als offen und „zwecklos“ betrachteten Raum vor.
1. Ein Ort der Reflexion und Vision der Zukunft
Wie sieht die Zukunft für die Gebäude und die historische sowie kulturelle Stadtlandschaft im Gwanghwamun-Gebiet aus?
Architektur ist eine geistige Ordnung, die sich in Bauwerken manifestiert. Was wird von uns für die kommenden Generationen bleiben? Nur die koreanische Kultur wird bleiben. Mittel- bis langfristig sollten alle Gebäude rund um den Gwanghwamun-Platz durch kulturelle Einrichtungen ersetzt werden, um die „Kulturachse“ in Nord-Süd-Richtung zu schaffen und zu unterstützen. Dieser historische Pfad besitzt einen symbolischen Wert, da er den Berg Bugaksan im Norden mit dem Berg Namsan im Süden verbindet. Die neue Qualität sollte eine urbane Porosität sein, die den Zugang für Fußgänger entlang der gesamten Verbindung zwischen den beiden Bergen ermöglicht. Eine physische Verbindung durch das bestehende urbane Gefüge soll den Durchgang durch urbane Strukturen wie den Palast und die Seitenstraßen erleichtern.
2. Platz versus Boulevard
Wie ist die Konfiguration und Funktion des neuen Gwanghwamun-Platzes?
Eine Straße in Seoul ist aus Sicht der kulturellen Geografie und der Aktivitäten, die dort stattfinden, ein direkter Ausdruck des koreanischen Milieus. In jeder Stadt gibt es eine natürliche Hierarchie von Straßen, die das lokale Verkehrsnetz bilden und den Arterien eines Körpers ähneln. In Seoul konnte sich aufgrund seiner besonderen Lage und Geschichte dieses organische Netz nicht entwickeln. Stattdessen entstand eine andere Hierarchie, die sogenannte „hybride“ Räume bildete. Diese sind das Ergebnis einer Transformation traditioneller Formen durch neue Elemente und technische Innovationen. Der Gwanghwamun-Platz ist ein gutes Beispiel für einen solchen hybriden Raum.
3. Ideale der Dynastie und Ideale der demokratischen Republik
Welchen historischen und philosophischen Hintergrund hat der Plan für den neuen Gwanghwamun-Platz?
Ein Vorschlag für einen neuen Gwanghwamun-Platz, der orientalische Konzepte und Ideale mit geometrischer Abstraktion verbindet: Der zwecklose Raum – ein typisches koreanisches „Leeres“ (Maidan) oben und ein „funktionsfreier Raum“ (Werkraum) darunter – mit der Freiheit für Bürger, den Raum zu gestalten und zu verändern. Kim Whanki begann, natürliche Motive, die an koreanische Landschaften erinnern – wie Mondkrüge, Vögel, Aprikosenblüten und Berge – in abstrakte Kompositionen mit vereinfachten Linien, Punkten und Flächen zu transformieren. Er ersetzte figurative Darstellungen durch Oberflächenbehandlungen mit dicker oder dünner Farbauftragung. Es entstanden vereinfachte Kompositionen aus Linien, Punkten und Flächen.
„In einem Sandkorn die Welt sehen, Und den Himmel in einer wilden Blume, Die Unendlichkeit in der Hand halten, Und die Ewigkeit in einer Stunde.“
– William Blake, Auguries of Innocence, 1996
4. Platz der Geschichte und Platz der Bürger
Welche Programme und Gestaltungsstrategien sichern die Charakteristika des Geschichtsplatzes und des Bürgerplatzes – und wie lassen sie sich vereinen?
Die einzige Konstante in der Stadt ist ihr Wandel. Der Begriff „kollektive Intelligenz“ bezieht sich auf das enorme Wissen und die Erfahrung der Gesellschaft. Dieses Potenzial, in der Architektur verankert, kann sich im „Werkraum“ vollständig entfalten. Eine Stadt im raschen Wandel sollte ihre Entwicklung nicht nur Politikern oder Architekten überlassen, sondern allen Einwohnern Seouls. Der Geschichtsplatz und der Bürgerplatz – eine gespiegelte Stadt: ein Maidang – ein zweckloser Raum – ist auch ein schützendes Dach, unter dem sich alle Einwohner versammeln. Ein großartiges städtisches Ziel: elegant, großzügig, historisch und im kollektiven Gedächtnis der Stadt verankert!
Darunter gibt es wenig Festgelegtes, vieles ist offen. Der „Werkraum“ kann verschiedene Typologien annehmen: Agora, Markthalle, Museum, Werkstatt oder einfach nur eine Projektionsfläche. In Seouls „Werkraum“ sollen Experten und Laien, Jung und Alt, zusammenkommen, um eine gemeinsame Zukunft zu gestalten – und kreativ zu verändern.
5. Koreanisches Naturverständnis und Raumterritorium
Was ist das räumliche Territorium des Plans für den neuen Gwanghwamun-Platz?
In unserer Neuinterpretation räumlicher Grenzen ist der urbane Rahmen ein verbindendes Hauptelement. Dieser Rahmen ist keine Barriere – nur eine erweiterte Linie. Innerhalb dieses Rahmens ist alles enthalten: ein Zentrum des Alltagslebens der Koreaner und ein Zentrum ihres Denkens – eine Leere, eine unsichtbare Grenze zwischen Stille und Menschenmenge.
Das Gebäude darunter beschreibt Hans Hollein sehr treffend:
„Die Form eines Gebäudes ergibt sich nicht aus der materialbedingten Zweckmäßigkeit. Ein Gebäude soll nicht seine Funktion zeigen, es ist kein Ausdruck von Konstruktion, kein Schutzraum. Ein Gebäude ist es selbst. Architektur ist zwecklos. Was wir bauen, wird seinen Nutzen finden. Form folgt nicht der Funktion. Form entsteht nicht von selbst.“
6. Ikonische Stadtlandschaft Koreas und das Zentrum der Altstadt Seouls
Wie kann die Naturkulisse mit der Stadtlandschaft Seouls verbunden werden?
Die Stadtlandschaft ist geprägt von vier Granitrücken, den Bergen: Bugaksan im Norden, Namsan im Süden, Inwangsan im Westen und Naksan im Osten. Die Berge dominieren noch immer das Landschaftsbild. Diese Topografie schafft einen starken Gegensatz zwischen den breiten Hauptstraßen, die steile Hänge umgehen, und den kleinen, steilen Gassen, die einen großen Teil des Straßennetzes bilden. Dieses Spannungsfeld ist nicht nur durch Geomantie (Pungsu) verständlich.
Die periphere Lage der Paläste bestimmte die Entwicklung des Straßennetzes: von Anfang an war es anders aufgebaut als in westlichen Städten, wo Straßen vom zentralen Platz ausgehen. Die Spannung zwischen breiten Boulevards und engen Gassen – verstärkt durch Urbanisierungsdruck im Geschäftsviertel – spiegelt eine tiefere Spannung zwischen Extravaganz und Pragmatismus wider, ebenso wie das Bedürfnis nach Diskretion und privatem Raum.
7. Koexistenz des Alltäglichen und Außeralltäglichen
Welche räumliche Konfiguration umfasst beide Funktionen – Alltag und Fest?
Schiebewände können Teile des Raumes leicht trennen. Die Kassettendecke zeigt die Struktur und das Material. Das Betonraster schützt kein nobles Museum, sondern den Werkraum. Er steht nicht wie der Jongmyo-Schrein auf einem Stylobat, sondern auf normalem Boden.
Der Markt ist ein echter Ausdruck des koreanischen Milieus. Sein Fortbestehen weist auf wichtige soziale Funktionen über den Handel hinaus hin.
Das westliche Konzept der Zentralität – wo Wege auf einen Platz zulaufen – wird in Korea, wo es traditionell keine öffentlichen Plätze gibt, durch den Straßenmarkt ersetzt.
8. Ort als Park und Platz
Welche landschaftsarchitektonischen und funktionellen Maßnahmen ermöglichen Ruhe und Erholung auf dem gesamten Areal?
Die Wege Seouls sind wie Geschichten: manche haben ein glückliches Ende, andere sind Sackgassen. Sie zeigen Widerstand und wie das traditionelle Milieu im urbanen Kontext überlebt.
Die Widmung von Straßen als Fußgängerzonen einerseits und als Labyrinth andererseits. Steigungen, Ecken, Sackgassen – das Labyrinthgefühl steigt, wenn ein Weg bergauf führt. Die Gassen sind eng, oft ohne Gehsteige, und enden manchmal abrupt an einer Hauswand. Trotz der Nähe zur Großstadt vermitteln sie Schutz und Stille. Diese Vielfalt – vor allem geprägt durch Topografie – verdient Förderung.
9. Leere und Fülle, Innen und Grenze
Wie sollen die Randbereiche des Platzes genutzt werden?
Wie sollen die Randbereiche des Platzes genutzt werden?
Obwohl Straßen per Definition offene Räume sind, eignen sie sich nicht immer für öffentliche soziale Praktiken – das geschieht oft in geschlossenen Räumen.
Der Fokus sollte auf den Märkten Seouls liegen, deren soziale Rolle mit Cafés oder Badehäusern vergleichbar ist. Sie werden zu sozialen Treffpunkten und verlieren ihre ursprüngliche Funktion. Die Straßenbilder, in denen Moderne und Tradition koexistieren, sind Zeugen der kulturellen Einzigartigkeit der koreanischen Stadt.
Hybride Räume in Seoul können nicht nach Autoverkehrseffizienz geplant werden – sie müssen das dichte, familiäre Wohnumfeld und den sozialen Rückzug respektieren.
10. Umgebung: Verwaltung oder Gestaltung
Wie sieht der Plan für das Management des Gwanghwamun-Platzes und seiner Umgebung aus?
Seouls Fußwege wurden durch viele Transformationen geprägt, die überraschendste: ihre Anpassung an Topografie. Häufig gehen Gassen an Hängen in Treppen über. Auch hier wieder das Spannungsfeld zwischen Fußgängerzone und Labyrinth.
Diese Gassen sind mehr als Relikte – sie sind gelebte Realität. Sie sollten wieder fußgängerfreundlich werden. Es gibt schon positive Beispiele. Im Frühling blühen Kirschbäume, im Sommer spenden Ginkgos Schatten und Duft, im Herbst tragen sie melancholische Farben, und im Winter, wenn der Schnee alles bedeckt, verwandeln sich die Gassen mit Regenschirmen in malerische Szenerien.